Dr. Birgit Wetzel

Zuhören und Verbindung schaffen

Dr. Birgit Wetzel


Kann Kommunikation verbinden? Und gibt es eine Kommunikation ohne Verbindung? Ja und ja. Beides kennen wahrscheinlich viele von uns. Immer dann, wenn ein Gespräch in einer Atmosphäre der freundlichen Aufmerksamkeit, der persönlichen Zugewandtheit und des aufrichtigen Interesses abläuft, sind wir kommunikativ miteinander verbunden. Wir lassen uns im Gespräch unvoreingenommen aufeinander ein. Noch mehr gelingt uns das, wenn wir frei von eigenen Gedanken und Bewertungen sind und uns in den anderen „einfühlen“. Dann fällt es uns leicht, im Gespräch mit unserer vollen Aufmerksamkeit bei der anderen Person zu sein, anstatt Ratschläge zu geben und Lösungen anzubieten. Mit vertrauensvoller Neugierde wollen wir in diesem Fall noch tiefer in die Gedankenwelt des Gegenübers eintauchen und auf seiner „Welle“ mitschwimmen, ohne seine Themen zu unseren eigenen zu machen. Diese Einstellung strahlen wir aus. Das macht das Zuhören authentisch und frei von jeder Erwartung. Im besten Fall ergibt sich bei den Beteiligten ein Gefühl der Stimmigkeit. 

Wie geht es Jemandem, dem so zugehört wird? Was meinen Sie? Haben Sie es selbst schon erfahren? Diese Person fühlt sich angenommen und verstanden, frei von Beeinflussung und Vereinnahmung. Und sie bekommt eine Reflexionsebene „geschenkt,“ die es ihr erlaubt, ihre eigenen Gedanken zu spiegeln. Das kann in uns selbst Prozesse des Verarbeitens, Verstehens und Erkennens auslösen, die uns wie selbstverständlich zu neuen Einsichten und eigenen Handlungsoptionen führen. Wir klären uns selbst durch das Geschenk des unvoreingenommenen, freiwilligen Zuhörens der anderen Person. Wir fühlen uns verstanden und in dem Gesagten akzeptiert, häufig auch ohne Worte. In solchen Momenten fällt es dem Erzählenden leicht, Rückfragen wohlwollend als Feedback aufzunehmen, selbst um Feedback zu bitten und differente Ansichten und Meinungen als Bereicherung anzusehen. Das Verstehen des Gegenübers bedeutet nicht, mit dem jeweils Gesagten einverstanden zu sein. Das ist ein wichtiger Unterschied. Gleichzeitig ist das für die vertrauensvolle kommunikative Verbindung unerheblich, denn es geht im Grunde darum, in seinen persönlichen Anliegen und Interessen gesehen und gehört zu werden.  

Kann eine solche verbindende Kommunikation im Berufsleben stattfinden? Ja, soweit wir in der oben beschriebenen Form zuhören „wollen“ und „können“. Das geht nicht automatisch und auf Zuruf, denn es setzt voraus, den unbedingten Willen und die Fähigkeiten zu haben, vorurteilsfrei zuzuhören und sich mit seiner eigenen Rede zurückzuhalten. Das sind Kompetenzen, die insbesondere dann von Bedeutung sind, wenn wir „In Führung gehen“. Sie helfen uns, mehr über unsere Mitmenschen - deren Sichten, Anliegen und Stärken zu erfahren, sie einzubeziehen, zu beteiligen und zum Mitgestalten zu ermutigen. Das ist eine solide Basis, um vertrauensvolle Arbeitsbeziehungen aufzubauen. Erstaunlich, wie „aufmerksames“ Zuhören zur verbindenden Kommunikation beitragen kann.

22. September 2021